Kaum aus Rum zurück waren wir auch schon wieder weg und zwar auf dem Weg nach Polen zum FIVB Open in Myslowice. Dort hatte ich ja vor einigen Jahren schon einmal bei der U23 Europameisterschaft den 7. Platz erspielt. Ich wusste also in welch trostloser Gegend das Veranstaltungsgelände in der Südpolnischen Kleinstadt gelegen ist. Umso mehr freute ich mich auf das Turnier. Bei meinem ersten Mal in Myslowice regnete es außerdem pausenlos, diesmal gab es sogar schon Überschwemmungen vor lauter Regen. Also noch ein Grund zur Vorfreude für mich.
Damit wir nach der Saison auch wirklich jedes Transportmittel einmal ausprobiert haben reisten wir diesmal mit dem Zug. Gar nicht so ungemütlich nach meinem Mini-Auto, dem klapprigen Shuttle-Bus nach Budapest, dem engen EasyJet-Flugzeug und den alten Fahrrädern in Cesenatico. Mit einem Direktzug der ÖBB (diesmal nur 40 Minuten verspätet) ging’s von Klagenfurt nach Katowice, wo wir unser Hotel gebucht hatten. Zur Erklärung: In Myslowice gibt’s genau ein Hotel, und das is zum Zeitpunkt der World-Tour schon für 10 Jahre im Voraus ausgebucht. Katowice grenzt aber direkt an Myslowice.
Die Fahrt mit dem Zug verging für uns wie im Flug (gemeint ist der 9-stündige Flug nach Shanghai). Tatsächlich saßen wir fast 10 Stunden im Zug und uns wurde trotzdem nicht langweilig. Unter anderem auch weil die Schnaps-Wertung wieder völlig offen ist. Nach dem ich am Rückflug aus China auf 14:4 erhöhen konnte, verlangte Robin eine Änderung des Reglements! Deshalb gibt es ab jetzt Länderwertungen. Ich konnte China für mich entscheiden und Robin hat sich knapp die Italienwertung gesichert. Und in der Polenwertung ging er auf der Hinfahrt auch gleich mit 2:0 in Führung. Vom Hochwasser in Polen bekamen wir dann auch noch einiges mit. Entlang der Schienen sahen wir immer wieder überschwemmte Dörfer und kilometerlange Feuerwehrschläuche, die das Wasser abpumpten.
In Katowice angekommen genehmigten wir uns erstmal einen originalen Katwice-Kebap! Und gleich der erste Schock: Der Kebap kostete umgerechnet fast 80 Cent (Was? 1000 Zloty sind schon mehr wert wie ein Euro – was is da los in der EU? Wir hätten doch mehr wie 5 Euro mitnehmen sollen für die 3 Tage.). Danach flitzten wir mit einem Luxus Mercedes Taxi ins Hotel. Der Fahrer fragte uns woher wir kommen. Als wir ihm verrieten, dass wir Österreicher sind, erschreckte er ein wenig und fing an eine schaurige Geschichte zu erzählen. Die Fahrt dauerte circa 20 Minuten, in denen pausenlos der Fahrer in einer Mischung aus gebrochenem Deutsch, gebrochenem Englisch und Polnisch redete. Er erzählte von seiner letzten Fahrt mit Österreichern: „Graz, Graz!“, wiederholte er immer wieder. „Vollzugsanstalt! Papiere bitte!“, stammelte er vor sich hin. „3 Monate! 3 Monate! Vollzugsanstalt!“, fuhr er fort. Anscheinend war er vor einigen Jahren einmal von Österreichern ganz schön übers Ohr gehauen worden. 3 Leute boten ihm 1000 Euro für eine Fahrt nach Wien und dann weiter nach Graz mit Hotel und Verpflegung. In Graz wurde er dann beim Abendessen von der Cobra geschnappt und in Untersuchungshaft gesteckt. Dort musste er 3 Monate ausharren ohne Kontakt zur Außenwelt. Über den Richter und den Staatsanwalt schimpfte er auf Polnisch und auch für seinen Dolmetscher hatte er nicht viel Lob übrig. Über Umwege bekam er dann sein Auto, das in Kapfenberg abgestellt war, zurück und versuchte ohne Vignette und ohne Papiere wieder zurück nach Polen zu kommen. Im Endeffekt brauchte er für die Fahrt von Wien nach Katowice über 30 Stunden, weil er bei jeder Grenze hundertfach untersucht wurde und immer wieder die Geschichte mit der Vollzugsanstalt erzählen musste. Auf jeden Fall hasst er seit dem Österreicher und vor allem österreichische Polizisten. Schön langsam wurde es uns unheimlich. Wir hatten keine Ahnung wo er hin fährt und ob er den Namen des Hotels überhaupt richtig verstanden hatte. Er bog in immer abgelegenere Straßen ab und schimpfte weiter heftig gestikulierend: „3 Monate!!! 3 Monate!!!“! Als er uns dann schlussendlich ausließ glaubten wir im ersten Moment er möchte uns in irgendeinem schäbigen verwahrlosten Gebäude hinrichten. Aber bei dem Gebäude handelte es sich doch um unser 3 Sterne Hotel! Glück gehabt. Er war ja doch ein ganz netter Kerl. Mit einem weniger aufgebrachten Fahrer und einem Taxi mit weniger als 200 PS hätten wir sicher eine Stunde bis zum Hotel gebraucht. Also etwas Positives hatte die Horrorfahrt doch.
Das Zimmer war eigentlich eh ganz schön und auch das Abendessen war billig und schmackhaft. Am nächsten Tag hatten wir wieder mal Lust auf eine Taxifahrt. Diesmal zum Turniergelände in Myslowice – angeblich circa 10 Minuten mit dem Taxi. Wir baten die Rezeptionistin ein Taxi zu rufen. In der Folge erklärten wir dem Taxler, dass wir nach Myslowice zum Beachvolleyballturnier mussten. Der hatte natürlich keine Ahnung. Da half kein gestikulieren und auch meine geringen Slowakischkenntnisse brachten uns nicht weiter. Deshalb ging Robin mit dem Taxler zur Hotelrezeption und bat die dort anwesende junge Dame dem Fahrer zu erklären wo wir hin mussten. Neben einer Erklärung bekam dieser dann sogar die Adresse auf einem Zettel und die Route aus dem Internet ausgedruckt. Das sollte reichen! Trotz allem fragte er aber ständig auf Polnisch bei uns nach. Bei jeder Kreuzung deutete er in eine Richtung und fragte uns irgendetwas für uns unverständliches (wahrscheinlich hatte die Rezeptionistin ihm nicht aufgeschrieben, dass wir keine Polen sind und deshalb kein Wort Polnisch können). Wir nickten brav und hofften, dass er das riesige nicht zu übersehende Beachvolleyballstadion finden würde.
Nach 15 Minuten (das Taxometer war schon lange über den abgemachten Preis hinaus geschossen) begann er verzweifelt mit den Schultern zu zucken und fragte einige Passanten. Es schien als wüssten die auch nicht so richtig Bescheid (wir konnten nur an der Gestik versuchen zu erahnen worum es in den Gesprächen ging – vielleicht hat er sie auch gefragt wer bei der Fußball-WM mit Polen in der Gruppe ist – das würde auch die ahnungslosen Gesichter der Passanten erklären, Polen ist nämlich für die WM nicht einmal qualifiziert). Erst beim dritten Mal fragen sahen wir ein Kopfnicken des Fahreres und schöpften wieder Hoffnung (bis dahin überlegten wir ob wir nicht doch sofort aussteigen sollten). Nochmal 15 Minuten später entdeckte ich eine riesiges Plakat der FIVB World-Tour am Straßenrand mit einem Pfeil nach rechts darauf. Ich deutete dem Fahrer, dass er nach rechts abbiegen solle und so fanden wir tatsächlich dank meiner Adleraugen doch noch das Beachvolleyball-Stadion. Netterweise gewährte uns der Taxler einen kleinen Rabatt und wir mussten nicht alle seine Ausflüge in irgendwelche kleinen finsteren Nebenstraßen bezahlen.
Nach einem lockeren Training führten wir uns die brasilianische Country-Quota zu Gemüte. In der ersten Runde erledigten Pedro Cunha und Thiago Barbossa den Poke-Prinz Fabiooooooooooooo mit neuem Partner Bruno de Paulaaaaaaaaaaaaa mit 2:1. In der Pause erschummelten wir uns unabsichtlich ein gratis Essen im nahe gelegenen offiziellen Hotel. Wir dachten in Polen ist alles so billig, dass der Veranstalter sogar für die
Qualifikationsspieler das Essen bezahlt. Falsch gedacht. Beim zweiten Versuch am nächsten Tag wurden wir nicht mehr rein gelassen. Nach dem Essen bemerkte Robin eine brennende rote Stelle an seinem Bauch, die aussah wie ein überdimensionaler Eiter-Pickel. Da sich die Schmerzen verschlimmerten riet ich ihm zum Turnierarzt zu gehen. Da dieser aber nicht existierte kam er mit einer fürsorglichen kleinen Polin im Schlepptau zurück. Die erklärte folgendes: „Go to hospital! They cut out this.†Ich fragte: “What is it? What is this?†Lachend antwortete sie: “Little Animal. They cut out. No problem. He will survive!†Ein zweiter Mitarbeiter (Mariusz) vom Turnier,der hinzugekommen war, erklärte, dass es nicht so schlimm sei und wir heute Abend ins Krankenhaus fahren sollten. Mit ihm einigten wir uns darauf, dass er uns nach dem zweiten Spiel der Brasis ins Spital brachte.
Weder Robin noch ich konnten das Spiel Cunha/Thiago – Marcio/Ricardo dann richtig genießen. Robin war nicht wirklich beruhigt nach dem Gespräch mit seiner neuen polnischen Freundin und ich war wenig begeistert vom Anblick des Bierbauches (oder Caipirinha-Bauches) von Ricardo in einem eng anliegenden Surf-Shirt (erinnerte mich irgendwie an Fußballer Ronaldo nach der WM 1996).
Am Ende merkte man Ricardo seine konditionellen Schwierigkeiten bei der 1:2 Niederlage schon etwas an. Gleich nach Spielende suchten wir unseren Freund und persönlichen Betreuer Mariusz. Der brachte uns dann mit seinem polnischen Ferrari (ein uralter roter rostiger Kastenwagen ohne Gurte, ohne Radio und ich glaub auch noch ohne Gangschaltung) zum Krankenhaus. Als wir ihm erzählten, dass wir aus Österreich und noch genauer aus Kärnten sind kam was kommen musste: „Ah Kärnten! Haider!! Haha!“ Natürlich kannte er Kärnten. Unser lieber verstorbener
Landeshauptmann machte uns ja Europa- oder vielleicht sogar Weltweit bekannt. Also wieder jemand, der auf Österreich nicht sonderlich gut zu sprechen war. Uns gegenüber bliebe er aber lieb und nett und übersetzte brav der einzigen im Spital anwesenden Krankenschwester. Die machte sich auch sofort ans Werk und hatte auch noch Spass dabei. Bei der Zehe (wo Robin auch so einen roten Pickel hatte) schnitt sie Robin ein „Little Animal“ hinaus während sie am Bauch nur desinfizierte. Robin war trotzdem Kreidebleich im Gesicht (das Video dazu gibt’s auf unserer Facebook-Fanseite). Die Krankenschwester gab uns großzügigerweise noch Verbandszeug mit, das für eine ganze Armee gereicht hätte (und das alles ohne E-Card – unglaublich). Nach überstandener OP fuhr Mariusz mit uns noch in eine Einkaufszentrum wo sie der tapfere Robin eine Schokolade kaufen durfte und ich mir ein Coka-Cola gönnte.
Spielerisch war das Turnier dann (vielleicht auch auf Grund der ganzen Aufregung) alles andere als gut von uns. Nach dem Training am steinharten Aufwärmcourt überraschte uns der treibsandmäßige Court 3 im ersten Spiel doch ziemlich. Uns gelang nichts und wir mussten uns der italienischen Vorspeise Ranghieri/Tomatis (Raukesalat mit Tomaten) geschlagen geben. Diesmal waren wir nicht mehr wie ein Antipasto für die zwei größenmäßig überlegenen Azzurris. Auch unsere Kollegen Hupfi und Schroffi hatten kein Glück. Sie mussten sich schon früh morgens den (im wahrsten Sinne des Wortes) alten Schweden Berg/Andersson (die heißen wirklich so, ich hab nicht einfach die zwei typischsten schwedischen Namen genommen, weil ich die richtigen nicht mehr wusste) beugen. Doppler/Mellitzer hielten aber die österreichischen Fahnen hoch und qualifizierten sich doch recht souverän mit 3 Siegen für den Hauptbewerb. Nur gegen die zwei Mini-Tschechen Dumek/Tichy (zusammen so groß wie Melli allein) wackelten sie kurz einmal, ehe sie die Partie in 3 Sätzen für sich entscheiden konnten.
Noch am selben Abend setzten wir uns in den Zug Richtung Heimat. Von der Zugfahrt bekamen wir nur die dreimalige Fahrscheinkontrolle mit, die restliche Zeit haben wir schlafend verbracht. Um auch ein paar Mal in den eigenen Betten schlafen zu können traten wir die Reise zum A-Cup in Fürstenfeld dann erst am Samstagmorgen an. Dadurch verpennten wir zwar die erste Partie schummelten uns dann aber doch souverän bis ins Halbfinale durch. Im Loser-Pool spielten sich währenddessen einige Dramen ab. Die Koraimann-Brüder mussten sich gegenseitig eliminieren, Felix Rinner musste beim Stand von 0:1 und 7:14 (quasi auf dem Weg ins Finale J) verletzungsbedingt aufgeben und Traxler/Streitfellner setzten sich gegen die übermächtigen, riesigen Slowaken durch die sicher schon einige Male bei Olympia gespielt hatten (den Turnierbericht auf ihrer Homepage muss ich mir unbedingt noch durchlesen). Und Hupfi/Schroffi? Wo waren die eigentlich? Nach dem A-Cup in Rum hab ich extra im Winner- und im Loser-Pool nach ihnen gesucht, konnte sie aber trotzdem nirgends entdecken (man munkelt sie meiden die österreichischen Turniere, weil hier zu Lande nicht über ein Original Swatch-Netz gespielt wird).
Am Ende holten wir uns den Titel und Robin sicherte sich seinen ersten A-Cup Sieg, nachdem er zuvor schon 3-mal im Finale gescheitert war. Übernachtet haben wir übrigens bei einer sehr netten Familie aus Fürstenfeld, die mindestens so volleyballverrückt ist wie Familie Huber (einen Volleyball auf der Terrasse, einen neben der Badewanne und noch einen im Esszimmer haben wir entdeckt). Vielen Dank noch mal an dieser Stelle an Walter und seine Family. Gut genug erzählt und gelästert. Bis zum nächsten Mal!
2 Kommentare zu “Myslowice & Fürstenfeld in einem Zug!”
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Cool und amüsant geschrieben .. könntest Geschichten schreiben
… man kann sich vor allem so richtig vorstellen wie der Taxler wild herumgestikuliert und schimpft, haha .. freu mich schon auf den nächsten Bericht .
viel Erfolg weiterhin und alles Gute, Gerd
[...] wenig Selbstvertrauen holen wollte. Der schon bekannte Bruno de Paula (siehe auch Xandi’s Blog: Myslowice & Fürstenfeld in einem Zug!) hat sich für die heurige Saison den „kleinen“ Bruder von Weltmeister Fabio de Jesus Magalhaes [...]